Begegnungen (1)


Achtsamer werden, Ruhig bleiben, Stille und Ruhe in sich tragen. So werden wir durch Berlin gehen dürfen. Dabei betrachtend, unsere Ängste, Meinungen, die Meinungen die uns suggeriert werden, unsere Muster die anspringen – wenn wir Menschen begegnen.

Ich laufe auf einem Gehweg. Rechts von mir spüre ich die kalte Marmorfassade des Hauses. Ein Mensch kommt mir entgegen. Als Autofahrer in einem Land, wo das Rechtsfahrgebot gilt, bleibe ich rechts. Der Mensch geht schnurgerade auf mich zu. Er bleibt vor mir stehen, ich auch. Ich schaue ihn flüchtig an, möchte weitergehen, zur S-Bahn. Er steht und die kleine Körperbewegung lässt ein mögliches Rempeln vermuten. Ich sage so etwas wie: „Das ist doch nicht wahr.“ und mach einen Schritt nach links und gehe vorbei. An meine Ohren dringen noch die Worte: „Beim nächsten mal hau ich Dir so eins von in die Fresse.“

Ich stehe in einer wenig gefüllten Berliner S-Bahn, ein Brötchen zu mir nehmend. Ich stehe an der Seite der Tür. In der Mitte ist Platz ist zum Ein- und Aussteigen. Rechts stehen 2 Männer. So richtig Platz bleibt da für eine Person zum ein- und aussteigen schon. Dann werde ich mich zur Seite drehen, damit ausreichend Platz ist. Ich wählte eine Stehplatz, wo ich beim Essen möglichst keinen belästige. Was passiert nun? Eine adrett, in einen hellen Wintermantel gekleidete Dame kommt herein, geht genau auf die Lücke zu. Sie steht mir so nahe, wie ich mit meinem Partner oder einer guten Freundin dort stehen würde. Mein Brötchen ist in Höhe ihres Halses. Es scheint sie nicht zu stören. Mich stört es schon. Mir fehlen die Worte und so kann ich nur fragen: „Ist das normal?“. Später fällt mir eine andere Art der Erwiderung ein: „Willst Du mit mir kuscheln?“.

Ich sitze in der Straßenbahn der Tag neigt sich buchstäblich dem Ende zu. Im Wagen sitzt eine Gruppe von jungen Menschen. Ich denke es sind Studenten. Sie sind laut und lustig. Es wird über eine Kiste Bier gesprochen. Plötzlich klingen Flaschen aneinander, es klirrt und der Fußboden ist voller Bier. Ich steige aus und schrecke zusammen, als eine Falsche hinter mir eine Flasche an den Straßenrand klirrt. Ich laufe zum Park. Die Meute bewegt sich hinter mir her. Als Studenten müssten sie nun nach rechts zu den Wohnheimen abbiegen. Tun sie nicht. Sie sind laut und laufen weiter, vorbei an den Wohnheimen. Ich ahne, sie gehen in den Landschaftspark – doch keine Studenten.

Sind wir in unserem Innern wirklich gewaltfrei?

5 Kommentare zu „Begegnungen (1)

  1. Sehr schön beschrieben. Ich kenne die Situation auf dem Gehweg. Je nach Stimmung verhalte ich mich anders. Wenn mir danach ist, ändere ich meine Körperhaltung. Mache einen gerade Rücken, nehme den Kopf hoch und schaue gerade aus. Diese Körperhaltung lässt mich zu 99% auf meiner Seite ohne ausweichen zu müssen – weil ich es ja jetzt gerade nicht will.
    Mir entgegnete mal ein älterer Herr zornig (eigentlich fälschlicherweise, weil ich schon rechts ging):“Ein anstädiger Deutscher geht rechts!“ Er erwartete wohl, dass ich ausweiche…

    Ich hatte mal eine Diskussion mit auch mit einem älteren Herren auf dem Geh- und Radweg. Hier dürfen Radfahrer und Fußgänger zusammen den Weg benutzen. Meist laufen Frauen links – also vermeintlich auf der falschen Seite. Nun war es dieser Mann der „mir im Weg lief“ nämlich links. Er regte sich über mich auf, weil ich gerade joggend den Weg nicht für ihn nicht frei machte. Einige Zeit später kam mir der Gedanke mit ihm darüber reden zu wollen. Dachte ich doch im Recht zu sein und man müsste rechts laufen, damit einem auch die Radfahrer links überholen können etc..

    Ich wusste die erste Ansprache muss so sein, dass ich ihn nicht gleich unnötig reize. Also sprach ich ihn höflich an. Wir kamen super ins Gespräch und ich erfuhr einiges über seine Familie und den Krieg usw… Er erklärte mir, was er über diese Sitte bzgl. der Benutzung solcher Weg gelernt hatte und ich ihm meine. Zuhause habe ich recheriert und (leider) festgestellt, dass man auf solchen gemeinsamen Wegen laufen darf wie man will. Es müssen halt alle auf alle Rücksicht nehmen. Eine Regel für das rechts laufen gibt es aber nicht. Jetzt weiche ich öfters aus…

    Deine Aufmerksamkeit ist vermutlich durch die ständigen Nachrichten beeinflusst. Das Leben war schon immer lebensgefährlich. Und wir müssen Orientierung geben und keine Angst haben oder falsche Toleranz gewähren lassen.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, so geht die Geschichte. Rechts oder links laufen – ausweichen.
      Nein, dieser Beitrag ist nicht getragen von den letzten Nachrichten. Es ist ein Erleben und eine feine Veränderung im letzten halben Jahr, an dem ich verstärkt in Berlins Öffis zu verschiedenen Tag und Nachteziten, an verschiedenen Ecken von Berlin unterwegs bin. Das Leben ist nicht lebensgefährlich von sich aus. Nur der Tod ist gewiss.

      Es verändern sich die Umgangsformen – Beobachtung eben.

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  2. Drei Formen von ungebetener, aber realer Nähe. Nicht alles lässt sich vermeiden, die Welt, sie ist so. Innerer Friede schließt Härte nicht aus. Wenn ich das Haus verlasse, ziehe ich mir einen Mantel an, der mich unberührbar erscheinen lässt. Das ist nicht unbedingt beabsichtigt, hält mir aber manche unliebsamen Kontakte vom Leib.

    Die wenigsten Menschen sind wirklich gewaltfrei.
    Selbst bin ich es auch nicht, aber ich darf ja bis zu meinem letzten Tag üben 😉

    Lieben Gruß aus dem Tal der Wupper nach Grinsstadt & schön, von Dir zu lesen!

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